Leben wir im Zeitalter der Einsamkeit?
Blicke ich abends, nachdem die Sonne untergegangen ist, aus meinem Fenster auf die Häuser gegenüber, so schaue ich in dunkle Wohnungen, nur erhellt vom Flackern der Fernseher. Wie hypnotisiert sitzen die Menschen davor – entweder allein oder zu mehreren, doch das macht keinen Unterschied. Denn so oder so sitzen sie schweigend da. Und wenn die Aufmerksamkeit einmal vom Bildschirm abgelenkt wird, dann höchstens, um eine Nachricht zu schreiben oder etwas zu googeln. Machen wir es nicht alle so?
Wir haben uns eine Welt errichtet, in der wir uns – theoretisch – keine Minute mehr mit uns selbst oder mit anderen beschäftigen müssen, in der wir ein ganzes Leben nebeneinander und aneinander vorbei führen können. Für den, der alleine ist (und es sind viele), erscheinen die Segnungen des Internets und der uferlosen Unterhaltungsmaschinerie wie ein Asyl, zu dem er sich vor der Einsamkeit retten kann. Wir tauchen ein in fremde Welten, nehmen am Leben anderer teil. Der nie versiegende Ton aus den Lautsprechern füllt den leeren Raum und vertreibt die Stille.
Die modernen Möglichkeiten der Unterhaltung – durch Smartphone, Streaming, digitale Kommunikation, ja, die gesamte Unendlichkeit des Netzes – haben das Ende der Einsamkeit besiegelt, könnte man argumentieren. Denn einsam ist nur, wer sich einsam fühlt. Versunken aber in die Lieblingsserie, deren Charaktere uns bereits wie echte Freunde vorkommen, abgelenkt vom Online-Shopping spüren wir doch die Einsamkeit kaum. Aber da eben liegt die Crux: Das Flimmern der Bildschirme und ihr nie endendes Plappern haben die Einsamkeit nicht geheilt, sondern lediglich betäubt. Es sind Sedativa. Das wahre Soma aus Huxleys Schöner, neuer Welt ist keine Tablette, sondern das bewegte digitale Bild.
Wie sehr wir uns an die ubiquitäre Präsenz dieser Form der Ablenkung gewöhnt, uns von ihr abhängig gemacht haben, spürt, wer einmal die Stille zu ertragen versucht. In meinem Roman Aus einer Zeit versucht der Protagonist Matthias Bode, ein junger, völlig vereinsamter Arzt, genau das und scheitert. Nachdem er abends in seiner Wohnung eintrifft, schaltet er zunächst den Fernseher an, um die als bedrohlich wahrgenommene Stille, die ihn daran erinnert, dass er in seinem Leben völlig allein ist, zu verdrängen: "Jetzt in der dämmrigen Wohnung zu sitzen und zu beobachten, wie der blaue Abend allmählich durch jede noch so schmale Fensterritze hereinkriecht, während das gleichmäßige Gemurmel der Straße dumpf zu mir aufsteigt – das hat etwas von einer bedrohlichen Stille. Schnell greife ich zur Fernbedienung und mache den Fernseher an. So ist es viel besser!"
Als er kurz darauf etwas niederschreiben und sich konzentrieren will, ist es ihm unmöglich, den Fernseher auszuschalten: "Soll ich ihn ausschalten? Dann wäre es wieder ganz still und dunkel in der Wohnung. Nur der letzte, kaum noch sichtbare Saumzipfel der untergegangenen Sonne am Horizont und in der Ferne das Kraspeln der Stühle und ein paar fremde Stimmen auf der Straße. Doch hier bei mir wäre nichts als kalte Stille. Der Gedanke lässt mich kurz erschaudern. Ich schäme mich zwar dafür, doch ich bringe es nicht übers Herz. Also stelle ich das Gerät auf lautlos, denn Stille und Lautlosigkeit sind zwei unterschiedliche Dinge, und setze mich an den Schreibtisch." Der Gedanke, dass der Fernseher, "dieser wahre beste Freund des Menschen" hinter seinem Rücken läuft als ein "Fenster zur Welt", aus dem er jederzeit blicken kann, gibt Matthias das beruhigende Gefühl, nicht allein, sondern mit der Welt verbunden zu sein. Wie vielen, wenn sie ehrlich sind, geht es ähnlich?
Man kann fragen: Ist es denn nicht gut, wenn die Einsamkeit betäubt ist? So wie es ja auch eine große Errungenschaft ist, dass wir Mittel haben, die uns körperlichen und psychischen Schmerz nicht spüren lassen oder ihn zumindest abmildern. Doch im Gegensatz dazu ist die Einsamkeit oft selbst verschuldet und basiert auf mangelndem Selbstwertgefühl, Trägheit oder Angst. Sich aus der Welt zurückzuziehen in einen imaginären Raum, der komplett von mir selbst kontrolliert wird und kaum Unwägbarkeiten enthält, das ist oft der bequemere Weg als sich den Risiken des Lebens zu stellen, zu denen auch Zurückweisung, Enttäuschung oder schmerzhafte Einsichten gehören.
Diese Erfahrung muss auch Matthias Bode im Roman machen. Nur mit größter Mühe und getrieben von äußeren Ereignissen wagt er schließlich den Versuch, aus dem Alltagstrott auszubrechen, um sein Glück wiederzufinden. Dieser Schritt fällt ihm so schwer, eben weil er die Einsamkeit und das Unglück kaum spürt – abends vor dem Fernseher. Die moderne Unterhaltungstechnik nimmt uns den Leidens- und damit auch den Handlungsdruck. Wie Morphium lähmt sie unsere Kraft, unseren Willen zur Veränderung und lässt den Status quo, mit dem wir grundsätzlich unzufrieden sind, als passables Arrangement erscheinen. Würden wir die Einsamkeit wirklich spüren in ihrer gesamten Kälte und Trostlosigkeit – so mancher krempelte wohl sein Leben um. Stattdessen verharren wir in Agonie.
Die Gegenwart, die Welt, in der wir leben, mit all ihren Möglichkeiten der Unterhaltung und Ablenkung hat die Einsamkeit also nicht bezwingen, sondern sie bestenfalls betäuben können. Letztendlich stellt sich jedoch die Frage, ob der Mensch heute nicht noch einsamer ist als er es je war. Wir ertragen kaum noch die Stille des Fernsehers, dafür umso leichter die Stille zwischen Menschen. Wir verbringen unsere wenige gemeinsame Zeit stumm nebeneinander, den Blick nach vorn gerichtet oder auf das Smartphone. Wir tauchen immer häufiger und länger in digitale Parallelwelten ab. Mit all unseren Freunden können wir jederzeit über Messenger kommunizieren. Eben darum treffen wir uns so selten mit ihnen und rufen sie fast nie an. Wir verfolgen stattdessen die perfekten Scheinwelten, die für uns inszeniert werden in den sozialen Medien, den Seifenopern und Kitschfilmen. Und weil wir sie mit der Wirklichkeit verwechseln, erschaffen wir uns Erwartungen an das Leben, denen wir nicht genügen können. Mancher zieht es vor, alleine zu bleiben, anstatt sich mit der Unvollkommenheit des realen Lebens abzugeben. Nein, wir haben die Einsamkeit nicht besiegt. Wir leben im Zeitalter der Einsamkeit – und merken es vor lauter Ablenkung nicht.